“LustAngst vor dem Fremden” – aus dem aktuellen TAU

Das TAU-Magazin schlägt die Brücke zwischen Innen und Außen. 

Kennst du “Off the Yogamat into the World”, eine in Amerika bereits recht starke Bewegung? Spätestens seit  meinem Pioneers of Change Jahr interessiert es mich, wie sich innere Arbeit im Außen fortsetzen könnte, – ja vielleicht ganz natürlich müsste? Es käme mir etwas beschränkt vor, einen direkten Zusammenhang zwischen innerer Arbeit und äußerem, sozialem Impact  errechnen zu wollen (obwohl es diesen Versuch natürlich schon gab, beispielsweise bei der TM-Technik). Gleichwohl schlagen wir Weltenwandler, jeder ganz für sich die Brücke, tagtäglich. Wir sind gefordert dünnhäutige, feine Bewusstseinsqualitäten oder auch tiefere Einsichten in scheinbar grobmaschigere oder dichtere Alltagswelten zu integrieren. Als ich unlängst wiedermal im TAU-Magazin für Barfußpolitik blätterte, war ich förmlich von den Socken. Wie einfühlsam, wirkungsvoll, politisch und nach innen gerichtet mich da ein Artikel bannte. Ich zögerte nicht eine Sekunde, diesem Artikel zu noch etwas mehr Öffentlichkeit zu verhelfen. Bitteschön… und herzlichen Dank an Christian für den Artikel und deine innere Arbeit, insbesonders auch mit der GFK (Gewaltfreie Kommunikation)

Von Christian Lechner aus dem aktuellen TAU-Magazin

“LustAngst vor dem Fremden

Ein persönlich-politischer Grenzgang.

Es begann ganz einfach. Ein seltener Besuch bei Waldviertler Verwandten. Drei Generationen am Küchentisch befragten einander. Momente des Schweigens zeigten die Fremdheit. Die Kluft zwischen Stadt und Land, Alt und Jung, Arbeiter und Akademiker verlangte ihre Verbindungszeit. Doch bevor so etwas wie Nähe aufkam, trat Trennendes zum Vorschein.

„Mit dem Ausländer kommst du mir nicht mehr ins Haus“, machte der „Hausherr“ seiner Tochter unverblümt klar. Kurz traute ich meiner eigenen Wahrnehmung nicht: Seit wann werden Familienkonflikte in so offener Runde angesprochen?

Mein Herz klopfte voller LustAngst, zitternd und vorfreudig zugleich … Ich verspürte die Verantwortung und Gelegenheit großfamilienpolitisch meine Position zu beziehen!

Um inhaltlich einsteigen zu können, fragte ich, wie es zum Misstrauen gegenüber Fremden gekommen sei. „Die sind faul, arbeiten nichts und nehmen alles mit“, wurde mir schier felsenfest erklärt. Von da an gewann der jahrzehntealte Familiengraben mit jedem weiteren Wort an Tiefe. Ich erwischte mich wie ich die „ausländerfeindliche Position“ ausgrenzte und mein Gegenüber stellenweise nicht mehr als Mensch ansehen konnte. War mein Wunsch, selbst in meiner differierenden Wahrnehmung und Wahrheit gesehen zu werden, dermaßen erschüttert, dass ich ihm als Konsequenz meinen grundsätzlichen Zuspruch entzog?

Trotz aller Kenntnis empathischen Hörens war mir klar, dass ich meinen Standpunkt mitteilen musste, um präsent bleiben zu können. Meine Stimme bebte, als ich aufzählte, in welcher Form unser heimischer Reichtum auf Ausbeutung anderer Regionen aufbaut – historisch durch militärische Eroberung und Unterdrückung, wirtschaftlich durch westliche Konzerne, die den Imperialismus mit der Durchsetzung „freier Marktgesetze“ fortführen, und sozial durch das immense Gefälle in den Arbeitsbedingungen und Gehältern … Und will nicht jeder Mensch arbeiten, wenn er darf und dabei seine Würde bewahren kann?

Kurz kam ich mir vor wie in einer patriarchalen Aufstellung: Die zwei Männer diskutieren lautstark ihre Positionen, klopfen am Tisch, während die fünf anwesenden Frauen mitfiebern, zittern, schweigen. Eine Welle aus Wut und Akzeptanz ging durch mich. Warum spricht hier sonst niemand aus, was sie sich denkt? Haben hier alle Angst, dass es nur schlimmer wird? Unfassbar. Und dankbar, ungeschminkt ein Großfamilientheater zu sehen, das nicht nur das unsrige ist. Ich wagte es nicht, die Runde nach ihrem Empfinden zu fragen, blieb bei meinem Wunsch, verstanden zu werden. Ich berichtete von meiner ursprünglichen Politisierung, nämlich dem Leid, das strukturell anderen angetan wird, und war berührt mich in dieser Tiefe wahrzunehmen. Er – sichtlich bewegt, bedrängt, empört – referierte von Fair-Trade-Betrügern, von denen eine Fernsehdoku berichtet habe, und begann dann einen Rundumschlag gegen die Politiker.

Die Themensprünge wurden so groß, dass sich der rote Faden mehr in der Emotion finden ließ: Groll. Das zu erkennen gab mir Orientierung, doch wie sollte ich danach in der großen Runde fragen? Wiederum bewerte ich ihn und seine pauschalen Aussagen und verfiel selbst in Ärger. Groll kenne ich mittlerweile als ein schützendes Muster, um meine Verletzlichkeit nicht zu zeigen. Aber warum geht es mir nicht gut, wenn jemand eine andere Meinung vertritt? Kann ich das Fremde dann nicht akzeptieren, wenn ich selbst verstanden werden will?

Ich erinnere mich an den Gesprächsverlauf kurz vor dem Konflikt: Ich fragte ihn aus Interesse, wie er seinen Alltag verbringt, und er meinte, er arbeite die meiste Zeit alleine im Wald. Woraufhin seine Tochter spitz bemerkte: „Weil du’s mit Menschen nicht lange aushältst!“ Ein erster heißer Moment, in dem es in mir aufschrie: „Hey, wieso kritisierst du sein Leben und lässt ihn nicht so sein, wie er ist?“ Aber ich staunte auch über ihren Mut, ihn direkt zu kommentieren – nur was wollte sie damit sagen? Dass er es mit ihr und ihrem anderen Weltbild nicht lange aushält – und vice versa? Und wer hat jetzt Recht?

Ich verspüre Betroffenheit, aber das Gespräch läuft so rasant weiter, dass ich unterbrechen, stopp rufen müsste, um in Ruhe nachfragen zu können bzw. meine Verwunderung auszudrücken. Eine Komfortgrenze, die ich erst dann überschreite, wenn ich mich innerlich klar genug fühle – was erst bei der Ausländerthematik der Fall war. Denn eine grenzgängerische Intervention mache ich erst dann freiwillig, wenn ich genug Ressourcen zur Verfügung habe: wie Wissen oder Verbundenheit mit den Anwesenden. Vielleicht war für mich die wirkliche Grenze nicht die Ausländerthematik, sondern die Scham und Trauer über eine Art des Miteinanders, wo scheinbar einige von uns – inklusive mir selbst – sich nicht ganz zeigen können. Und das ist mein tiefliegender Wunsch: mich authentisch mitzuteilen, zu erleben und in echtem Kontakt mit anderen zu sein.

Diesem innerem Dialog folgte noch kein äußerer Ausdruck. Zu weit lagen unsere Positionen auseinander. Immerhin weiß ich jetzt klarer, wo wir stehen. Sind wir uns dadurch nähergekommen?

Inhaltlich wohl nicht – aber menschlich auf jeden Fall. Ich würdigte an der entflammten Diskussion das Potenzial, uns besser kennenzulernen, und reichte beim Verabschieden die Hand. Ich spürte meine LustAngst vor dem Fremden und will ihre Grenzen weiter begehen.”

“Jenseits von Richtig und Falsch liegt ein Ort, dort können wir uns begegnen.” – Rumi

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