In einer Gemeinschaft wie Tamera leben

In einer Gemeinschaft wie Tamera leben

 – Ein Skype-Gespräch mit Joya.

von Sascha Tscherni, Juli 2013

Das ist der zweite Teil von drei Beiträgen zu Leben in Wohn-Gemeinschaften.

klick für Teil 1 (“We are Family!”)

klick für Teil 3 (“Noch kein Ökodorf in Österreich”)

Meine österreichische Freundin Joya lebt seit fünf Jahren in Portugal. Der entscheidende Beweggrund für sie damals Österreich zu verlassen war ihre Sehnsucht nach einer großen Gemeinschaft, die alle Elemente des Lebens beinhaltet.- Die Vision eines heilen Biotops, in dem Mensch, Tier und Pflanzen friedlich miteinander leben, das zog Joya nach „Tamera“.  Einen von Deutschen gegründeten Heilungsbiotop in Portugal.  

In Tamera habe Joya erfahren, wie stimmig es sich anfühlt, in einem „Liebes-Netzwerk“ zu leben, das das herkömmliche Partnerschaftsmodell ablöst. Diese gemeinschaftliche Art zu leben hat sie derart begeistert, dass sie fast vier Jahre, bis letzten Juli (2012) in Tamera geblieben ist. –

 

Was hat Joya nach vier Jahren für sich erkannt?  Wo lebt sie jetzt nach ihrer Zeit in Tamera? … und was wäre, wenn sie wieder nach Österreich zurückkäme?

Gerade erst hat die 30ig Jährige wieder einen Mann getroffen, bei dem für sie alles gepasst hätte und mit dem sie sich gut vorstellen hätte können eine Familie zu gründen. Schon immer wieder verlockend durch diese Lebenspforte zu gehen, doch irgendeine Intuition oder Ahnung hält Joya davon ab. – Es ist die Sehnsucht nach einer größeren und funktionierenden Gemeinschaft. – Der Wunsch mit etwa 20 Menschen in einem Vertrauensraum zu leben, wo man sich gemeinsam um die Kinder kümmert. Sie will nicht in zu enge Muster rutschen. Dass Kinder wie in Tamera gemeinsam in  Yurten leben und jeden Tag andere Eltern für bestimmte Kinder-Gruppen gleichzeitig da sind, diese Idee des arbeitsteilendes Dorfes hat für Joya sicher viel mehr Kraft als die Kleinfamilie. Dazu kommt Joyas Hintergrundwissen über ihre alleinerziehenden Feundinnnen in Österreich. Die Statistik weiß es auch: Alleinerzieherinnen sind überfordert, isoliert bis stigmatisiert bei der Arbeit so wie privat. Und zu dem sind Alleinerziehende auch noch am meisten armutsgefährdet.

Doch welche Spannungsfelder gibt es in Joyas Leben? Eine Säule Tameras ist die Forums-arbeit. Bringt diese Kommunikationsweise jene Heilung, zu der ich auch mit so-sein.at einladen möchte? Alles, was vielversprechender klingt als das altbekannte explosive Geschrei gepaart mit kalt trennender oder beschwichtigender Kommunikationslosigkeit macht mich seit jeher neugierig. Ist ein nachhaltigerer Umgang mit unserer aller Liebes-sehnsucht auch jenseits der Medidationshöhle wirklich möglich ?

Joya antwortet sehr vorsichtig. Sie beschreibt die vier Jahre in Tamera als eine intensive Ausbildungszeit. Sie hat zuhören gelernt. Sie hat gelernt, wie unterschiedlich man mit Emotionen zueinander umgehen kann. Viel Wut war da immer wieder in ihr. Und ist auch heute noch da im engen Zusammenleben.  -Das fesselt meine Neugier, denn wo Frauen offen wütend sein dürfen, da darf vielleicht auch noch viel mehr Wut, die tief unterdrückte weibliche heiße Wut der letzten zwei Jahrtausenden ausgedrückt werden. Da atme ich natürlich auch als Mann auf, sei die Wut auch erstmal gegen mich als Mann gerichtet.

Joya führt erstmal allgemein aus: „Wichtig ist es geeignete Räume für diese Wut zu schaffen. Sie nicht direkt auf einen Menschen zu richten, sondern einen positiven, kreativen Ausdruck für die Wut zu finden. Das Forum ist ein möglicher Raum dafür, wo Menschen lernen ihre Themen künstlerisch, theatralisch wie auf einer “Weltenbühne” aufzuführen. So lernen sie sich mit ihren Themen nicht unbedingt zu identifizieren. Klar wird, dass wir alle ähnliche Themen haben und dass wir  gemeinsam Lösungen dafür finden können. Wichtig ist es den Menschen in Tamera,  aus dem “Ping-Pong” zwischen den Geschlechtern auszusteigen . Es sei viel besser die Themen in einen größeren Kreis zu bringen, als ständig die gleichen Dinge untereinander zu verhandeln. Friedensarbeit zwischen Mann und Frau. Arbeit an den traumatischen Punkten der Geschichte. Der Krieg der Geschlechter wird als maßgeblicher Punkt gesehen, warum es Krieg gibt auf dieser Welt. Und in Tamera wird daran gearbeitet, ein Feld für  wahren Kontakt zwischen Mann und Frau aufzubauen mit dem Ziel, dass die Liebe zwischen Mann und Frau sich entwickelt und bestehen bleibt.”

„Ist also das Forum die zuständige, alleinverantwortliche „Institution“ für Emotionen in Tamera ?“, frage ich nach.

Joya: „Das Forum ist eine Hilfe, einen kreativen Ausdruck für Emotionen zu finden. Aber natürlich ist es auch wichtig, Wege im Alltag zu finden. Und da ist jeder Mensch selbst verantwortlich. Ich weiss genau, dass ich auf Dinge im anderen reagiere, die mit mir selbst zu tun haben. Deshalb werfe ich meine Wut nicht auf andere drauf, sondern lerne über mich. – Lerne mich kennen und verstehen und handle bewusst ohne meine eigenen Probleme auf andere abzuschieben.“

Okay, kommen wir zum Punkt: Warum hat Joya Tamera dann verlassen ?

Tamera ist ein öffentliches Ausbildungs- und Forschungszentrum für den Aufbau einer neuen Kultur. Vereinte Pioniere treffen zusammen, die ihr ganzes Leben für die Rettung der Welt geben. Ohne starker Ausrichtung und ohne ausformulierter Absichtserklärung könnte man da schnell wieder einpacken. Doch Tamera schafft es anerkannte Friedensdorf Projekte in Israel und Kolumbien zu gründen. Aufgeräumt für die Medien, guter Kontakt zur politischen Öffentlichkeit Portugals  – und doch: auffällig wenig Tameraner sprechen Portugiesisch, die Sprache der umliegenden Nachbarn. Kritische Stimmen meinen, Tamera habe einen „Biospären 2“ Charakter.

Joya war es zu öffentlich, um sich wohl fühlen zu können. Sie durfte z.B. in dem von ihr angelegten Permakulturgarten kein Zelt aufschlagen, da in regelmäßigen Abständen das Fernsehen oder eine Gästegruppe durch den Garten hindurch geführt wurde.

Aber noch etwas irrtierte sie und ließ sie „aus ihrer Kraft kommen“, wie sie meinte. Etwas ließ Joya nicht wirklich Anschluss finden an die Kern-Gruppe der Gemeinschaft.  Anmerkung meinerseits: So wie Joya geht es auch mir nicht darum, zu beschuldigen oder pauschalisierende Kritik an etwas sehr Großem, Komplexen und lang gewachsenen Lebendigem zu üben, sondern darum, einem Einzelschicksal eine Stimme zu geben. Das kann u.U. manchmal auch das umgebende Feld erhellen oder aufhorchen lassen ohne dabei aber Polaritäten zu schüren.

Joya ist auffällig vorsichtig in ihrer Formulierung. Sie möchte jedenfalls kein schlechtes Wort über den Träger-Kreis der Gemeinschaft verlieren und bezieht die Enttäuschung lieber auf sich selbst.

Sie meint, sie habe in ihrem Leben andere Schwerpunkte, die in Tamera nicht so wichtig sind. Sie liebt es zu Singen, zu Tanzen, Tantra- Atemübungen zu praktizieren. In Tamera – als Universität für eine neue Friedens-Kultur . – geht es aber mehr um Wissen und Wissensvermittlung. Außerdem ist es in Tamera kaum möglich heimelige Räume wie in Österreich aufzubauen. Und dieses Gefühl für Musik, Tanz und die Liebe zu „heimatlichen Räumen“(Zitat) nicht wirklich akzeptiert zu werden, hat Joya nach neuem Ausschau halten lassen.

Schließlich meint Joya: “In Tamera gibt es von einigen, auch meinungsbildenden, Menschen unterschwellig Kritik an “Hippies” und das war für mich einfach anstrengend und Kraft raubend.” –

Sie lebt nun gemeinsam mit elf anderen seit Herbst 2012 in der Nachbarschaft Tameras, in „108“. Sie schaut jetzt mehr auf sich und darauf, wofür ihr Herz wirklich schlägt. Joya ordnet sich weniger einer großen politischen Vision unter und schält gerade mit den jetzt viel wenigeren Gemeinschaftsmitgliedern von „108“ eine detaillierte Vision aus der vorläufigen „free hearts, paradising home!“ heraus.

Auch Heute treffen wir uns zum “Dreaming 108” – Strukturaufbau für das Land, Häuser, Seen,…
und am Abend gibts Vollmond Tanz-party.  Da kommt eigentlich immer jeder.”

Joya meint, dass für sie gerade tiefe Prozesse eher in kleineren Gemeinschaften oder in Gemeinschafts-Intensiv-Zeiten möglich sind. Da sind sie alle auf engerem Raum beisammen. Tamera hingegen hat mehrere Dörfer, und auch einige Menschen, die sehr alleine leben. Was aber nicht heißt, dass sie nicht auch dort sehr tiefe Prozesse erleben durfte.

Joya ist es ein Anliegen Netzwerkarbeit in ihrer Region zu machen. „ A Copa da Vida“ heißt das Gemeinschaftsprojekt, das sie mitbegründet hat. 100ha Grund wird gerade gekauft. Geld wird gesammelt, um dort eine fruchtbare, Permakultur-landschaft zu kreiieren, mit eigenen Wasser-Retentionsräumen, die dafür sorgen, dass Land zu renaturieren. So kann das Regenwasser des Winters auch im trockenen Sommer für das Land zur Verfügung stehen.

Abschließend frage ich Joya, ob sie vorhat mit ihren Erfahrungen zurück nach Österreich zu kommen, um auch hier ein Ökodorf zu gründen?

Joya: „Ich habe bis jetzt wenige Menschen in Österreich getroffen, die wirklich ihren vollen Einsatz geben für den Aufbau von Gemeinschaft. Viele sind beschäftigt mit Kindern, Ausbildung und Beruf. Das ist der Vorteil von Menschen, die in ein anderes Land aufbrechen: Sie sind ganz da für den Aufbau der neuen Kultur und nicht mehr verstrickt in ihr altes Leben. Es braucht eine Kern-Gruppe die sich total dafür einsetzt und mit voller Kraft an die Umsetzung geht. Ich wünsche mir schon, dass es auch bald in Österreich möglich ist…  aber es braucht halt einige Pioniere, die voll dafür leben. Es ist möglich!“

Danke Joya. Übrigens, dass es seit jahrelangen Bemühungen so ein ÖkoDorf (GEN – Global-Ecovillage-Network) in Österreich noch nicht gibt, dazu haben verschiedene sich bereits Gedanke gemacht und näher hingespürt. Auf so-sein.at erscheint in den nächsten Tagen ein Artikel zu diesbezüglicher Aufstellungsarbeit mit dem Titel: “Noch kein Ökodorf in Österreich ?”

Nachsatz:

Ich bin vor vielen Jahren mit Joya und einigen anderen in Montenegro und Albanien hauptsächlich wandernd unterwegs gewesen. Die Jahre darauf wanderten wir auch mit Kamelen durch die Bergwüste Sinai und verbrachten Zeit in der Negev Wüste in Israel. Neben den mich verzaubernden Landschaften und der starken Verbundenheit mit den Elementen, ist mir etwas ganz unvergesslich geblieben: Die Kreiskultur. Wir entschieden damals im Grunde alles durch die Weisheit der Gruppenpräsenz. Diese tiefe Ahnung von Weisheit innerhalb einer nicht-hierarchischen, achtsamen Gruppe, begleitet mich indirekt auch beim Yogaunterricht. Sowohl auf den Urlaub- Retreats in Susak als auch beim Morgen Yoga Klosterneuburg hat sich eine achtsame “Frühstückskultur” entwickelt. Ein ungezwungenes und vertiefendes Zuhören (abseits von Selbstbehauptungen) ergibt sich nach dem Yoga ganz von selbst. Ganz ohne Methode oder Tradition.

5 Kommentare

  1. “Hinter dem globalen Massaker unserer Zeit stehen falsche Systeme der Ökonomie, falsche Vorstellungen von Liebe und Religion, falsche Denksysteme und ein unendlicher Mißbrauch der natürlichen Ressourcen. Durch die falsche Richtung dieser Evolution entstand eine globale Matrix von Angst und Gewalt, die sich tief in die kollektive Menschenseele eingefressen hat. Die neue planetarische Gemeinschaft vollzieht einen fundamentalen Systemwechsel von der Matrix der Angst zur Matrix des Vertrauens. Sie vollzieht ihn in allen Bereichen – von den persönlichen Beziehungsthemen bis zu den politischen und ökologischen Themen der Gesamtheilung des Planeten. Auch die meisten Naturkatastrophen sind die Folge falscher menschlicher Eingriffe in die Kreisläufe der Natur. Der Systemwechsel ist ein Machtwechsel. Die neue Macht besteht nicht mehr in der Herrschaft über andere, sondern in der Wiedervereinigung mit den heiligen Gesetzen des Lebens. Überall, wo jetzt Zerstörung wü- tet, entstehen die ersten Zellen einer neuen Welt. Die weltweite Apokalypse, so furchtbar sie ist, bedeutet nicht nur Untergang, sondern auch Offenbarung. …

    Die Erde ist heilbar. Es gibt eine Welt, welche unsere Wunden heilt.”

    Zititiert aus http://www.tamera.org/manifesto/pdf/tamera_manifest_de.pdf
    ©Copyleft: Institute for Global Peace Work (IGP)

  2. Gestern ereilte mich ein überraschender Beschwerde Anruf aus der Schweiz. Der Anrufer meinte, dass ich in diesem Bericht über Tamera “herumlamentiere” statt meine Interviewpartnerin zu Wort kommen zu lassen.

    Ich lasse mich für kein einfaches, moralisierendes “Schwarz-Weiß Denken” gewinnen und möchte klarstellen, dass ich die langjährige Friedensarbeit Tameras sehr wertschätze.
    Ich bin überzeugt davon, dass anregende, konstruktive Kritik ein nötiger Teil für Weiterentwicklung sein kann.

    Wagen wir uns also über den Tellerrand von “Dafür” versus “Dagegen” hinaus! – Danke.

  3. hallo ihr lieben .habe eure seite gelesen und bin einfach nur begeistert . große worte mit schreiben ist nicht meine stärke . ich liebe poriugal und würde sehr gerne zu euch kommen . währe das noch möglich ? würde deutschland gerne für immer verlassen . in liebe freya

    • hi freya,
      wir sind gar nicht in tamera/portugal. das war nur interview mit einer freundin, die dort mal gelebt hat. viel glück auf deiner reise.
      lieben gruß, sascha

  4. Joya Johanna ist gerade wieder in 108, nur auf Besuch zur Olivenernte…. http://freiesleben.wissensalternativen.de/2017/11/besuch-bei-der-community-cento-e-oito/

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