„We are Family … ! “ – Leben in Spiri-Gemeinschaften

 Sascha Tscherni, März 2013,

Das ist der erste Teil von drei Beiträgen zu Leben in Wohn-Gemeinschaften.

klick für Teil 2 (Tamera)

klick für Teil 3 (Noch kein Ökodorf in Österreich)

Gemeinschaft kann eines dieser Worte sein – wie Gott, oder Liebe, oder Tod oder Bewusstsein, die zu groß sind um sich nur einer kurzen einfachen Definition wiederzufinden. In unserer Stiftung (Foundation for community encouragement) bezeichnen wir als Gemeinschaft eine Gruppe von Menschen, die sich verpflichtet haben zu lernen wie man miteinander auf einer noch tieferen und authentischen Ebene kommuniziert. Eines der Merkmale echter Gemeinschaft ist die Tatsache, dass Gruppengeheimnisse, egal welche, gelüftet werden

und da sichtbar werden, wo man mit ihnen umgehen kann.“

Scott Peck in http://www.gemeinschaftsbildung.com/

 

Ein ernst gemeinter Traum –  “es wird alles ganz anders als in der Herkunftsfamilie!”

Auf Facebook haben manche viele ihrer Freunde als „Familienmitglieder“ angegeben. Sie fühlen sich wirklich als Brüder und Schwestern einer großen Familie. Sie fühlen sich dabei oftmals auch stärker miteinander verbunden als mit ihrer ganz allgemein „nicht so leichten“ Herkunftsfamilie. Wenn „Brothers and Sisters“ sich nicht nur über Facebook kenne wollen, sondern auch gemeinsam in einer großen WG oder in einer „Gemeinschaft“ leben, dann gibt das reichhaltigen guten Lebensstoff.

Die kollektive alte Großfamilie wird auf diese Art erstmal neu und leicht erfunden. Die uralte menschliche Möglichkeit des Miteinanders bekommt Kinderfüße:

Spätestens wenn man zu mehrt unter einem Dach zusammenlebt, wird man sehen für welchen kollektiv tradierten, gemeinsamen Geist sich die Die kollektive alte Großfamilie wird auf diese Art erstmal neu und leicht erfunden. Die uralte menschliche Möglichkeit des Miteinanders bekommt Kinderfüße:Gemeinschaft entscheidet oder wie sie vielleicht wirklich ganz was Neues, dzt. vielleicht noch Utopisches leben will.

  • Ob man/frau sich bewusst für eine Form entscheiden mag?

  • Bzw. welches Feld darf sich einfach durch den Mix der einzelnen Individuen von selbst ergeben ? 

Zweiteres („der wilde Mix ergibt das Feld“) kristallisiert sich natürlich erst mit der Zeit heraus und steht immer wieder in Wechselwirkung mit dem ersteren, den klaren und bewusst getroffenen Entscheidungen, erarbeiteten Leitlinien oder erträumten Visionen der Gemeinschaft. Diese Wechselwirkung zwischen Feld und Ausrichtung einer Gemeinschaft setzt eine verbindliche Kommunikation zwischen den Mitgliedern der Gemeinschaft voraus. Und diesbezüglich schreit früher oder später etwas nach einer Form innerhalb des lebendigen Chaos, und wenn sie es die zerbrechlich zehrende Form der „meisterhaften“ Verdrängung ist. Je mehrheitlicher und bewusster dabei verdrängt wird, desto anstrengender.

Da kann es natürlich sehr viele Undifferenziertes an Miteinander geben und dieses anfangs auch nebeneinander her. Irgendwann etabliert sich aber eine Form des Umgangs mit- und zueinander heraus, mit dem die Mehrheit der Gruppe mal besser mal schlechter, aber doch gut leben kann. Sei es die blaue* alte patriarchalische Großfamilie (falls ein Guru in der Gemeinschaft lebt), der grüne* Hopi Stammgeist (Konsens) oder die gelbe* Soziokratie (Konsent) – Verschiedene Energien wollen in tradierte oder sich neu entwickelnden Bahnen gebündelt werden.

 

(*Diese Farbbezeichnungen verweisen auf Bewusstseinsebenen der Theorie von Graves, die er neben anderen Bezeichnungen „The Emergent Cyclical Levels of Existence Theory“ – ECLET nannte. Daraus ging die heute wesentlich bekanntere Theorie von Don Beck „Spiral Dynamics“ hervor.)

 

 

Meine persönlichen Erfahrung in Spiri-Gemeinschaften:

 

Manchmal denke ich, die Gemeinschaftsbildung ist wie eine Ausnüchterungskur, Stück für Stück befreit sich eine Gruppe von Ihrem normalen Sozialisationsverhalten, fällt alles ab, was unecht ist.“

Scott Peck

 

Eine „Ausnüchterungskur“, das klingt vielleicht jetzt auf den ersten Eindruck nicht gerade anregend, doch die, hinter dieser Nüchternheit hervortretende klare Sichtweise und Authentizität bringt gesichertermaßen kräftige Lebenslust hervor.

Die positive Seite der Ausnüchterung und auch der Ent-täuschung betrifft meiner Erfahrung nach vor allem diese nicht enden wollenden, bewusstseinsbereichernden AHA-Erlebnisse bezüglich der Co-Abhängigkeiten innerhalb der Gruppe.

Co-Abhängigkeiten – was das ist ?

Peck Scott nennt dies sich gegenseitig stützenden Gewohnheiten einfach „Gruppengeheimnisse“. Jede Zweier-beziehung kennt das. Hast du schon mal versucht ein dir unbekanntes heftig streitendes, sich vielleicht sogar gegenseitig schlagendes Paar auseinanderzuhalten? Die Chance ist groß, dass du dabei den Kürzeren gezogen hast. Sprich, dass das Paar nun gemeinsam auf dich eingeschlagen hat. Das hast du den lang genährten, unbewussten, aber tief zum Alltagsritual gefrästen und identitätsstiftenden Co-Abhängigkeiten zu verdanken. Ein System, das sich durch gegenseitige und unbewusste Abhängigkeit der Partner stützt, nährt und erhält.

Wie ist das dann erst mit den Co-Abhängigkeiten innerhalb einer 12 köpfigen Gemeinschaft ? – Das kann zu einem großen undurchsichtigen Dickicht geraten.

 

Aber mischen wir zu den Co-abhängigkeiten noch einen, nicht so seltenen Verschleierungsfaktor hinzu. Etwas, was auch wenig zur Authentizität und Transparenz innerhalb der Gruppe beiträgt und schnell den metaphorischen Kellerschimmel auf den Plan ruft. Anzutreffen bei vorrangig bewusst spirituell ausgerichteten Menschen:

 

Spirit“ ist ja etwas Ausgedehntes, überall Anwesendes, etwas Absolutes und Stilles, etwas schwer Greifbares, kaum Verhandelbares. Und um das nicht Greifbare von seiner „worst case“ Seite zu beleuchten, füge ich hinzu: Sehr spirituelle Menschen sind z.B. möglicherweise Folteropfer, die es geschafft haben nicht aufzugeben, sondern den Körper und die Welt nur kurzzeitig zu verlassen, um sich dann wieder in eine lächelnde körperliche Form zurückzubegeben. So flexibel kann spirituell sein.

 

Dazu ein kleiner Exkurs, zurück zur persönlichen Herkunft: Als Mensch lebe ich in Beziehung mit anderen, habe Erwartungen, koche mein eigenes Süppchen und trage meine individuell gefärbten Brillen. 1974 geboren, gehöre ich persönlich zu einer Nachfolge-generation der zwei großen europäischen Weltkriege, deren kollektive psychologische Verarbeitung soziologisch gesehen etwa drei bis vier Generationen dauern wird. Ich gehöre zur zweiten – dieser drei bis vier Generationen. Bin also mittendrin in der Verarbeitung des existentiellen Schreckens meiner Vorfahren. Kurz skizziert zeichnet sich diese Generation bisher allgemein so aus, dass wir vom Wirtschaftswunder materiell noch ein wenig abgefedert sind, „Disziplin und Ordnung“ schnell mit „Gewalt“ oder zumindest mit „reaktionär“ assozieren und „Freiheit und Frieden“ in den oberen geistigen Körperzentren oder eben konsumlastig hedonistisch nur in den unteren Zentren suchen. Umso mehr tun wir das, wenn der Schock der existentiellen unteren Zentren tief sitzt. Und das tut er landläufig noch.

 

Wozu der Exkurs? Spiri-Gemeinschaften dieser zweiten Nachkriegs-Generation zeichnen sich auch förmlich darin aus, dass die einzelnen Menschen ganz wenig Platz („Ich bin ja nur Geist, ich brauche bescheiden wenig!“, in den obere Körperzentren) oder ganz viel Platz („Nie wieder existentielles, territoriales Trauma!“, in den unteren Körperzentrum) für sich beanspruchen. Die unteren Energiezentren des Körpers (die ersten zwei Chakren) brauchen immer am längsten für Veränderung und Versöhnung. Sie sind das verdichtete Fundament. So sind diese unteren Energiezentren auch unbeweglicher hinsichtlich der kollektiven Verdauung der Weltkriege. Hinsichtlich des „nicht so leichten“ Herkunftsfamiliensystem.

 

Spiri-Gemeinschaften zeichnen sich auch manchmal darin aus, dass sie die bewusst werdenden, konfliktreichen Co-abhängigkeiten (Peck Scott nennt sie „Gruppengeheimnisse“) mit bewusstseinsverändernden Drogen, in der Meditation auf das Absolute, im versöhnlichen, herzlichen Gesang oder in (rituellen) Verbindung mit anderen Geistwesen lösen wollen. Diese Praktiken betreffen meist die oberen Körperzentren und haben -wohl dosiert eingesetzt- erwiesenermaßen Heilung, zumindest Linderung und teilweise auch eine sinnvolle Neuausrichtung auf Alltagebene ermöglicht. Das soll hier in keiner Weise abgewertet werden.

– Doch auffällig scheint mir ein, manchmal mit dieser Art von Problembewältigung auftretende, unbewusster Schatten: Oft wird das Ansprechen, Aufzeigen bzw. auch die Mediation von Konflikten in einem geeigneten Rahmen stark abgewehrt. Abgwehrt mit Argumenten nach dem Motto: „Sich bitte nur auf all das Licht und die Schönheit des Lebens, auf das Absolute zu konzentrieren, dann verschwindet der Konflikt ganz von selbst! – alles andere manifestiere nur weiter Probleme und würde nur „mental“ sein.

 

Hinzu kommt, dass ja jede Art nachhaltiger, alltagsbezogener Konfliktlösung ein überzeugtes Gefühl von Hingabe, Verpflichtung, einen Rahmen und Kontinuität einfordert. Und mit kontinuierlicher Selbstverpflichtung („Commitment“) oder gar Disziplin assoziert die Spiri-Gemeinschaft der zweiten Nachkriegsgenaration immer noch leicht traumatisiert einfach „Pflicht und Ordnung des dritten Reiches“. Klar, da wehrt sie selbstverständlich heftigst ab. Es dauert wie gesagt drei bis vier Generationen bis sich das Gleichgewicht der Kräfte wieder herstellt. Bis die Mitte wieder stark ist.

 

Nach Peck Scott wären solche hier skizzierten Spiri Gemeinschaften, eine Gruppe von Menschen, die sich auf ihrem Weg gerade in der Phase der „Pseudocommunity“ oder des „Chaos“ befinden. Zitat: Bei der Pseudogemeinschaft geht es um das Kaschieren von individuellen Differenzen. Im Stadium des Chaos geht es vorrangig um den Versuch, diese Differenzen auszulöschen. Das geschieht darüber, dass Gruppenmitglieder versuchen, einander zu bekehren, zu heilen, auszuschalten oder ansonsten für vereinfachte organisatorische Regeln einzutreten“. In: http://www.gemeinschaftsbildung.com

 

Alles hat seine Zeit. Und nichts kann erzwungen oder aufgedrückt werden. Manchmal muss der Leidensdruck einer Gemeinschaft noch größer werden, es wird vielleicht abgrenzende NEINs und Trennungen geben, damit der Quantensprung in die Leere und danach in die Authentizität passieren kann. Bei größeren Bewusstseinsunterschieden unter den „Brothers and Sisters“ kann es auch sein, dass es biologistisch gesehen gewissermaßen zu metaphorischen “Opferungen der Imagozellen” kommt. (Schau dir dazu das kurze, unterhaltsame Video über die Aufgabe von Imagozellen in Raupen, die bereits das Bild des Schmetterlings-“ das Imago“ in sich tragen, an: http://www.youtube.com/watch?v=ys46f2sv0zc) Das schnelle Hin- und Herwechsel von der Chaos-phase (Plötzlich stehen sich Täter und ängstliches Opfer gegenüber.) zurück zur Pseudo-phase (Das Opfer wird dabei nichts anderes wollen als sich mit dem Täter in einer Pseudoharmonie zu identifizieren, um die Angst zu verteiben) und wieder ins Chaos, das kann lange andauern. Mit dem Leben verzwickter Herkunftsfamilien im Rücken dauert es bis die Gruppengeheimnisse (Co-Abhängigkeiten) langsam ans Licht kommen und somit ihre Wirkung verlieren. In neue leichtere Formen des Gemeinschaftsleben übergehen können.

 

Abrundend möchte ich noch zwei Gründe dafür nennen, warum das Leben als Wohngemeinschaft und Gruppe auch dann noch Sinn macht, wenn es sich um gar keine „Gemeinschaft“ in dem oben beschriebenen Sinne (Menschen, die sich verpflichtet haben zu lernen wie man miteinander auf einer noch tieferen und authentischen Ebene kommuniziert“) handelt.

 

1.Grund: Ökonomische Vorteile

Ein Wasserkocher für viele ist einfach günstiger als für jeden einen eigenen Wasserkocher zu kaufen. Und: Die kombinierte Intelligenz aller für jeden einzelenen genützt ist lebensfreundlicher, kreativer und spannender als der Alleingang.

und der

 2.Grund: In dieser Welt sein.

Die eigene Möglichkeit zur De-konstruktion einschränkender Gewohnheiten (siehe auch Artikel “Fake Stille und Seins-Stille” https://so-sein.at/wp/2012/11/fake-stille-und-seins-stille-teil-i/) und die Reinigung des Nervensystems können innerhalb sozialer, äußerer Herausforderungen jeglicher Art die notwendige Bodenhaftung bekommen.

 

 

Keine Kommentare

Trackbacks/Pingbacks

  1. In einer Gemeinschaft wie Tamera leben | so-sein - [...]  das ist der zweite Teil von drei Beiträgen zu Leben in Wohn-Gemeinschaften. (klick für Teil 1) [...]
  2. Noch kein Ökodorf in Österreich ? | so-sein - [...] klick zu Teil 1 [...]

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.